Verfolgungsjagd in Venedig

Der Rosenmontag des Jahres 1999 war kalt und neblig. Am frühen Abend schlenderte Inspektor Mario durch die Gassen Venedigs. Er hatte gerade Dienstschluss und war bestens gelaunt, als er einen Schrei vernahm. „Das kam doch aus der Richtung der Banca d‘Italia“, dachte der Inspektor. Wieder ein Schrei! Er rannte in die Richtung, aus der die Schreie kamen. Als er die Bank erreichte, sah er vor der Tür den Bankangestellten, der mit aufgeregter Stimme schrie: „Hilfe, wir wurden überfallen!“
Mario blickte sich um und sah im letzten Augenblick einen davonlaufenden großen dünnen Mann, bevor dieser mit wehendem Mantel und in auffällig abgetragenen hohen Lederstiefeln in eine kleine Seitengasse einbog. Ohne zu zögern rannte Inspektor Mario der Gestalt hinterher. Am Canale Grande sprang der Flüchtige auf ein gerade ablegendes Vaporetto und fuhr davon. Inspektor Mario sprang in ein Wassertaxi und setzte die Verfolgung auf dem Wasser fort. Ihm gingen viele Gedanken durch den Kopf. Wer war der Täter? Und wo wollte er hin? Doch er hatte keine Zeit zu überlegen, denn er musste dem Dieb folgen. Schließlich befanden sie sich an der Piazza San Marco. Der Kerl verließ das Vaporetto und versuchte, in der feiernden Menschenmenge zu verschwinden. Für Inspektor Mario war es schwer, die Verfolgung aufzunehmen, denn auf der Piazza San Marco fand gerade der Karnevalsumzug statt. Hunderte fröhlicher Menschen in den verschiedensten Verkleidungen versperrten ihm den Weg. Doch dort! Ein dünner Mann, der abgetragene hohe Lederstiefel trug, drängelte sich durch die Menge. Plötzlich tauchte ein Akrobat vor dem Inspektor auf und bot seine Kunststücke dar. Der Weg war versperrt und Mario befürchtete, die Spur des Diebes verloren zu haben. Im letzten Moment jedoch sah er den Gauner, der sich durch das Gedränge schob.
Dieser steuerte nun auf die San Marco-Kirche zu und verschwand darin. Der Inspektor ging ebenfalls in die Kirche. Aber der einzige Mensch, den er sah, war ein betender Mönch. „Der ist bestimmt durch den Hintereingang abgehauen“, dachte er sich. Also verließ auch er die Kirche durch die Hintertür und mischte sich wieder ins bunte Treiben. Aber dort hinten! Stand da nicht der Mönch aus der Kirche? Jetzt fielen seine Blicke auf die Schuhe des Mannes: Abgetragene hohe Lederstiefel! Es war der Dieb! Erst jetzt bemerkte er, dass dieser einen Rucksack auf dem Rücken trug. Aber die Menge, die aus Kaufleuten, Akrobaten und Gauklern bestand, versperrte ihm erneut den Weg. Das Menschengetümmel war ziemlich bunt, es waren darunter viele Leute mit Vogelmasken, Halbmasken und vielen anderen Kostümen. Auch die typische Verkleidung, den Harlekin, konnte man bewundern. Zum Bewundern hatte Mario aber keine Zeit, denn er durfte seine Spur nicht verlieren. Der Inspektor mischte sich wieder in die Menge und machte sich so klein, dass der Dieb ihn nicht sehen konnte. Dieser schaute sich nämlich gründlich um, konnte aber den Inspektor nicht entdecken. Der war nun nur noch ein paar Meter von dem Ganoven entfernt.
Plötzlich rannte ein unaufmerksamer junger Student mit langem blondem Haar und Rucksack in den Verbrecher hinein, so dass durch den Zusammenstoß beide Rucksäcke zu Boden fielen. „Pass doch auf, du Rotzlöffel!“ schrie ihn der Dieb an. Schnell hoben beide ihre Rucksäcke auf. Das war die Gelegenheit für den Inspektor. „Jetzt haben wir Sie! Zeigen Sie bitte den Inhalt ihres Rucksackes.“ Der Inspektor öffnete den Rucksack, doch darin befand sich nur: Zahnpasta und Zahnbürste, ein Venedig-Reiseführer, eine Kamera und etwas Proviant in einer Brotzeitdose. Auf dem Gesicht des mutmaßlichen Diebes spiegelten sich gleichzeitig Wut und Entsetzen, doch dann schaltete er blitzschnell: „Sehen Sie, ich bin unschuldig, Sie müssen mich laufen lassen!“ Dagegen konnte der Inspektor nichts sagen, und er musste den Kerl ziehen lassen. „So schnell gebe ich nicht auf“, dachte er jedoch bei sich, und folgte ihm unauffällig mit ein paar Metern Abstand.
In der Zwischenzeit hatte sich der Student in eine stille Gasse begeben und schaute besorgt nach, ob die Kamera in seinem Rucksack nach dem Zusammenstoß noch unversehrt geblieben war. Als er den Reißverschluss seines Rucksacks öffnete, traute er seinen Augen nicht. Statt seiner Zahnbürste und seiner Kamera, entdeckte er dicke Bündel mit 100.000 Lire-Scheinen. Vor Schreck fiel ihm der Rucksack auf den Boden und er dachte: „Mamma mia, wo kommt das viele Geld her!“. Er hatte noch nie so viel Geld auf einmal gesehen. Als er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, überlegte er sich, was er mit dem Geld alles anstellen könnte: Er könnte eine Weltreise machen, ein schnelles Autos kaufen, von dem er schon als Kind geträumt hatte, oder eine große Party für alle seine Freunde schmeißen. Und er könnte endlich coole Klamotten kaufen, damit die Mädchen auf ihn abfahren würden. Doch plötzlich meldete sich sein Gewissen: „Ehrlich währt am Längsten“ hatte seine Großmutter immer gesagt. Sicher würden alle fragen, wo auf einmal das viele Geld herkam. Sicher handelte es sich um Diebesgut. Seine innere Stimme riet ihm: „Geh zur Polizei und gib den Fund ab“. Er schloss den Rucksack und machte sich auf den Weg zur Polizeistation.
Inspektor Mario war dem Verdächtigen schon etwa eine Stunde gefolgt und er stellte erstaunt fest, dass dieser den Weg zu der Bankfiliale ansteuerte, in der der Überfall stattgefunden hatte. Verwundert sah er, wie der Bankangestellte, dessen Hilfeschrei er unmittelbar nach dem Banküberfall vernommen hatte, aus dem Bankgebäude trat und auf den Verdächtigen zuging. Um nicht entdeckt zu werden, versteckte sich Inspektor Mario hinter einem Mauervorsprung. Von hier aus hatte er den Eingang der Bank sowie zwei davor stehende Container im Blick. Die beiden Männer tuschelten geheimnisvoll miteinander. Der vermeintliche Dieb flüsterte: „Das Geld ist weg!“ Der Bankangestellte lächelte schief: „Komm mit!“ Sie gingen zu einem der Container. Er sah, wie der Bankangestellte sich tief über den Container beugte und versuchte, eine prall gefüllte blaue Mülltüte aus dem Container heraus zu ziehen. Sein Komplize dachte: „Was Du kannst, kann ich schon lange!“. Plötzlich gab er seinem Komplizen einen kräftigen Stoß und mit einem lauten Scheppern fiel dieser schreiend in die Tonne. „Warum teilen, wenn man sich die Beute auch alleine unter den Nagel reißen kann“, rief der Dieb höhnisch aus und versuchte die Mülltüte aus der Tonne zu fischen. Der Inspektor nutzte diese Chance, machte einen Satz auf den Ganoven zu, packte ihn bei den Fesseln und hievte ihn mit aller Kraft ebenfalls in den Container. In der Zwischenzeit hatte ein anderer Bankangestellter aufgrund des Lärms die Polizei alarmiert, die unmittelbar darauf eintraf.
Mit Unterstützung seiner Kollegen wurden die beiden Ganoven aus dem Container befreit und mit Handschellen abgeführt. Marios Verdacht bestätigte sich. In dem Müllbeutel befanden sich mehrere Milliarden Lire. Sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen und seine Hartnäckigkeit hatte sich mal wieder ausgezahlt. Zufrieden schlenderte er ins Polizeirevier. Dort erfuhr er, dass ein Student einen großen Rucksack mit Falschgeld abgegeben hatte und jetzt in Untersuchungshaft saß. Niemand hatte ihm geglaubt, dass sein Rucksack vertauscht worden war. Beim Verhör gestand der Bankangestellte, dass er seinen Komplizen reinlegen wollte. Noch in der gleichen Nacht konnte der Student aus der Untersuchungshaft entlassen werden und die Bank bekam ihr Geld zurück.

Philipp Wiedmann und Jakob Haas