Tod im Wohnzimmer

Friedlich dösend saß Kommisar Günther Strohlinger, der 55 jährige Hauptkommisar der Polizei Wahndorf, in seinem Liegestuhl, als am Sonntag nachmittag sein Handy klingelte. Matthias Klüger, sein jüngerer Kollege, riss ihn mit den Worten „Setz dich in Bewegung, es gäb a Leich in der Siegfriedstrasse 2“ aus seiner Traumwelt. Mürrisch erhob sich Strohlinger und traf 10 Minuten später am Tatort ein, wo er Klüger bereits eifrigst im Gespräch mit der Spurensicherung fand. „Raubmord wars!“, rief ihm der Kollege zu. „Sie wurde mit diesem silbernen Kerzenleuchter hier erschlagen . Schmuck, Bargeld, Kreditkarten, Silberbesteck und Computer – alles weg! Und eine eingeschlagene Terrassentüre. So ist der Mörder offensichtlich in die Wohnung gekommen.“ „Na dann ist ja alles klar, brauchen wir also nur noch den Täter zu schnappen und dann kann ich wieder in meinen Liegestuhlzurück“ brummte Strohlinger nicht ohne Mißfallen über den Übereifer seines Kollegen vor sich hin. Schließlich war er 30 Jahre älter und es war seine Aufgabe die Ermittlungen zu leiten. Dann gesellte er sich aber doch zu den Kollegen und gemeinsam wurden alle Spuren aufgenommen und der Tathergang rekonstruiert. Tatsächlich sah alles nach einem Raubmord am hellichten Nachmittag aus. Aber warum gerade hier? Das Mietshaus, in dem sich die Wohnung befand sah von außen schon etwas heruntergekommen aus. Niemand vermutete hinter diesen Türen große Reichtümer. Und die Tote selbst, ihr Name war Claudia Hirsch wie sich herausstellte, machte auch eher den Eindruck einer durchschnittlichen Bankangestellten, als einer reichen Lady, bei der es sich lohnen würde einzubrechen. „Passt irgendwie nicht so recht“, ging es Strohlinger durch den Kopf, als er den Tatort verlies. Er blickte noch einmal zurück auf das Chaos am Tatort und versuchte sich jedes einzelne Detail einzuprägen. Auf die Details kommt es an – das hatte er schon damals vor 30 Jahren auf der Polizeischule gelernt.

Unten am Auto angekommen hatte Polizeihauptmeister Mohr bereits die Nachbarn zusammengerufen um sie zu befragen. „Keiner hat was gesehen oder gehört, Chef“, wußte dieser zu berichten. „Aber verheiratet wars, die Frau Hirsch, mit dem Herrn Max Hirsch, aber der ist angeblich auf Geschäftsreise, meint die Nachbarin Frau Müller. Und die Frau Müller muss es wissen, die putzt nämlich bei der Familie Hirsch ein mal in der Woche.“
Mit ausreichend Informationen versehen machten sich die Kommisare nun wieder auf den Heimweg, schließlich war es Sonntag und auch ein Kommisar hatte das Recht auf ein wenig Wochenderholung. „Wir teilen uns auf. Ich nehme mir Frau Müller, die Putzfrau, vor. Sie können mit dem Hausmeister reden!“, schallte es quer durch den Raum, als Strohlinger am Montag Morgen mürrisch seinen Kopf durch die Bürotüre steckte. Mit diesen Worten öffnete Klüger die Türe zum Vernehmungsraum und weg war er. „Schnellspritzer ohne Berufserfahrung“, murmelte Strohlinger und stapfte verärgert auf das zweite Dunkelzimmer zu, in dem der Hausmeister Herr Hartl es kaum erwarten konnte dem Kommisar alles zu erzählen, was er zu wissen glaubte.
Zwei Stunden später saßen wieder alle mit einer dampfenden Tasse Kaffe am runden Tisch um sich auszutauschen.
Der Hausmeister hatte nichts wesentliches zu berichten gehabt. Eine Durchschnittsehepaar, die Hirschs, beide berufstätig, tagsüber nie zu Hause, man sah sie nur am Abend und Wochenende. Ein Mal hatte er sie streiten gehört, das war erst letzte Woche, da gings so hoch her in der Wohnung, dass man dachte die bringen sich um, aber seither war wieder Friede, und beide grüßten wie immer
sehr freundlich. Herr Klüger hatte da schon mehr zu berichten. Frau Müller hatte ihm anvertraut, dass Frau Hirsch eingebildet und hochnäßig war. Sie dachte sie sei was besseres – bloß weil ihr Mann in der Vorstandsetage der Allianzversicherung war. Und weil sie von Ihrer Großtante ein paar wertvoll Schmuckstücke geerbt hatte, die immer offensichtlich auf ihrem Frisiertisch lagen. Dabei war sie doch auch nur eine gewöhnliche Sekretärin. Nicht nur mit Frau Müller, sondern auch mit den
anderen Mitbewohnern und ganz besonders mit dem Postboten ging sie um wie mit Menschen zweiter Klasse. Und das Schlimmste war, und deshalb hatte Frau Müller ihren Putzjob vergangene Woche bei den Hirschs gekündigt, sie hatte den kleinen Yorkshire Terrier Pimpkie, das ein und alles von Frau Müller, vergangene Woche mit einem Fußtritt vom 2.Stock hinabgeschubst, nur weil Pimpkie an ihr hochgesprungen war und versehentlich so ein Loch in ihre Edelfeinstrumpfhose gerissen hatte. Pimpkie war so schwer verletzt, dass er eingeschläfert werden musste. Frau Müller hasste Frau Hirsch, so viel war klar, und Alibi hatte sie auch keines, sie war am Sonntag ganz alleine
zu Hause gewesen. Ich möchte wetten, dass die Müllerin unser Opfer auf dem Gewissen hat meinte Klüger siegesgewiss. So schnell haben wir – habe ich in diesem Fall – ja noch nie einen Mord aufgeklärt. Er wollte gerade aufstehen und sich zur Belohnung eine zweite Tasse Kaffee einschenken, als Hauptmeister Mohr die Türe mit den Worten aufriss: „Den Ehemann, den Herrn Hirsch hab ich endlich gefunden. Er wär jetzt im Vernehmungsraum.“
Als die beiden Kommisare eintraten, fanden sie ein schluchzendes Häuflein Elend im Vernehmungszimmer. „Meine Claudia, meine Claudia“, war zwischen schniefen, schnäutzen und jammern zu vernehmen. Es dauerte eine ganze Weile, bis Max Hirsch in der Lage war einen vernünftigen Satz zu sagen. Er gab an am Sonntag morgen geschäftlich mit der Bahn nach Frankfurt gefahren zu sein. Als er den Anruf vom Kommisariat erhalten hatte sei er sofort zurückgekommen. Er habe keine Vorstellung, wer so etwas getan haben könne. Seine Frau habe keine Feinde gehabt.
Einfallen würde ihm lediglich der Streit mit Frau Müller letzte Woche. Aber um den Hund wars ja eh nicht schade, der war alt und häßlich und das ganze Treppenhaus stank immer nach dem Köter. Aber andererseit war Frau Müller wohl die einzige, die von dem wertvollen Schmuck wusste. Und schließlich hatte seine Frau immer vor Frau Müller geprahlt, wieviele zehntausende er wert sei. Ja und Frau Müller habe einen Neffen, vorbestraft wegen Körperverletzung, das hat Frau Müller selbst mal erzählt, den könnte sie engagiert haben. Frei nach dem Motto „tit for tat“ – du hast mir das wertvollste genommen, jetzt nehme ich dir das wertvollste, könnte Frau Müller den jungen Mann geschickt haben um den Schmuck zu stehlen. Und dann kam ihm Frau Hirsch dazwischen und er hat in Panik den Kerzenständer gepackt und das weitere kennen wir dann ja. Seine Tränen waren jetzt versiegt und er sprach hektisch, ja fast im Befehlston weiter: „Sie müssen den Neffen finden! Der wars, da bin ich mir ganz sicher!“
Kommisar Klüger strahlte. Na das entwickelte sich ja besser, als er gedacht hatte. Der Fall war praktisch gelöst, jetzt musste man nur noch den Neffen finden und festnehmen. Strohlingers graue Zellen arbeiteten auf Hochtouren. Das kam ihm alles viel zu einfach vor. Frau
Müller, die einfache Hausfrau, das passte einfach nicht. Aber er behielt diese Gedanken vorerst für sich und beschloss in den wohlverdienten Feierabend zu gehen. Schließlich hatte er heute 30jährigen Hochzeitstag und wollte seine Frau Trudi zum Essen ausführen.
Es war kurz vor acht, als das Ehepaar Strohlinger in einer gemütlichen Ecke der Lokals „Zum Wilden Bären“ Platz nahm und vom Ober mit einem freundlichen „das ist ein Geschenk des Hauses“, zwei Gläser Aperol Spritz entgegennahm. Sehr aufmerksam, aber schließlich hatte man ja nicht jeden Tag
so ein Jubiläum. Und seine Trudi war schon etwas besonderes, ein Glücksgriff sozusagen. Strohlinger setze an um einen kräftigen Schlück des herrlichen Getränks seine durstige Kehle hinunterzukippen, als er urplötzlich kreideweiß im Gesicht wurde und der Aperol versehetlich in die Luftröhre lief. Ein fürchterlicher Hustenanfall folgte. Er presste sich sein frischgebügeltes Stofftaschentuch aufs Gesicht und flüsterte seiner Frau zu, sobald er wieder Luft bekam: „Lass uns rasch Platz tauschen. Ich muss mit dem Rücken zum Lokal sitzen, sonst erkennt er mich noch.“ Er hatte am anderen Ende der Stube
eine Entdeckung gemacht. Max Hirsch, der noch vor drei Stunden schluchzend in seinem Vernehmungszimmer saß, dinierte hier offensichtlich vergnügt mit einer jungen Dame, sicher 20 Jahre jünger als er. Klüger hatte doch gesagt, dass das Ehepaar keine Kinder und auch sonst keine
näheren Angehörigen hatte. Und es sah auch nicht so aus als ob das eine Nichte sei. Angespannt schlang er seine Kässpatzen runter, auf die er sich den ganzen Tag so gefreut hatte. In ganz Wahndorf gab es keine Besseren, nicht einmal Trudi bekam das so hin. Aber heute wollten sie ihm nicht schmecken. Was machte der Hirsch hier? Das passte doch so ganz und gar nicht in Schlaumeier
Klügers Lösungsvorschlag des Falles. Aber dem wollte er es schon zeigen, wer hier der Erfahrenere von Beiden war. „Trudi geh du schon mal heim, ich muss noch kurz eine Verfolgung aufnehmen“ raunte er seiner Frau zu, als er über die Schulter erkennen konnte, dass Hirsch und seine junge Begleiterin zur Garderobe gingen. „Dauert auch nicht lange, ich komm gleich nach. Stell schon mal ein Bierchen kalt, dann machen wirs uns daheim gleich noch gemütlich“. Ohne darüber nachzudenken, was er da eigentlich tat, heftete er sich an die Fersen des offensichtlich turtelnden Paares. Es war schon stockdunkel draußen, was ihm die Verfolgung erleichterte und gerade setzte ein
leichter Nieselregen ein. Strohlinger schlug seinen Mantelkragen hoch und kniff die Augen zusammen. Seine Gedanken liefen auch Hochtouren. Hatte Hirsch eine Freundin? Wollte er seine Frau loswerden? Hatte er den Einbruch nur insziniert? Wie ein Film liefen die Bilder vor seinen Augen ab, die er sich am Tatort eingeprägt hatte. War da irgendetwas unstimmig? „Ja, das war es!“ schos es ihm durch den Kopf!. „Die Terrasse war voller Glasscherben! Der Täter musste die Scheibe von innen und nicht von außen eingeschlagen haben. Das hatte Schlaumeier Klüger übersehen. Das war der Beweis, das die Tote ihren Mörder gekannt und die Wohnung gelassen haben musste!“ Abrupt blieb er stehen. Beinahe wäre er über Hirsch gestolpert, der, ohne dass des Strohlinger bemerkt hätte, am Tor eines schicken Einfamilienhauses stehengeblieben war. Die junge Blonde versuchte offensichtlich mit klammen Fingern den Schlüssel ins Schloss zu stecken, und schon waren die beiden um die Ecke gebogen und gingen den knirschenden Kies hinauf zur Haustüre. „Er hat mich in der Dunkelheit sicher nicht erkannt“, redete sich der Hauptkommissar selbst gut zu und reckte sich, um zu dem
mittlerweile hell erleuchteten Haus hinüberzusehen. Das Gartentor war nicht ins Schloss gefallen, und so war es ein Leichtes hinaufzuschleichen und einen Blick ins Fenster zu riskieren. Obwohl er eigentlich ein abgebrühter Ermittler war schlug sein Herz rasend schnell. Was er da sah war eindeutig. Die beiden waren ein Liebespaar und obwohl ihm ein eiskalter Wind ins Gesicht bliess, stieg ihm die Schamröte ins Gesicht, bei dem, was er da mit ansehen musste. „Eindeutig, seine Frau war ihm im Wege gewesen! Sie musste entsorgt werden, der Jüngeren Platz machen. So ein Schuft!“. Als er erneut einen Blick durchs Fenster wagte traute er seinen Augen kaum: Die junge Dame saß leicht bekleidet auf der Couch des stilvoll eingerichteten Wohnzimmers und holte lachend einige
Dinge aus eine großen Luis Viton Reisetasche. „Was war das, was durch ihre Finger rieselte und klirrend zu Boden fiel?“ Jetzt war es Zornesröte, die Strohlinger ins Gesicht stieg! Er traute seinen Augen kaum. Silberne Löffel, Perlenketten, ein goldenes Armband, dazu eine Geldbörse fielen glaubte er zu erkennen. Zu guter Letzt holte sie noch ein Laptop aus der Tasche, warf es achtlos
neben die Schmuckstücke und schrie fast schon hysterisch, so laut jedenfalls, dass der Kommissar es mühelos durch das Fenster hören konnte: „Frei, endlich bist du frei!“ Wie betrunken, vielleicht hatte sie auch Drogen genommen, tanzte sie durchs Zimmer und hörte nicht auf zu schreien. Nichts wie weg hier, ich habe genug gesehen, dachte Strohlinger und drehte sich um um davonzuschleichen. In
diesem Moment jedoch legte jemand im Würgegriff den Unterarm um seinen Hals und flüsterte leise: „Na was will denn unser kleiner Schnüffler hier. Tut mir leid, aber sie sind einen Schritt zu weit gegangen.“ „ Hirsch! Er hatte irgendwie Lunte gerochen! Und wer einen Mord begangen hat, der schreckt auch vor einem zweiten nicht zurück!“ Panik machte sich im Kopf des sonst so scharfsinnigen Strohlingers breit. „Ich habe mich zu eine Fehler hinreißen lassen! Nie alleine ermitteln, das haben sie uns auf der Polizeischule eingebläut! Aber ich wollte diesem Lackaffen von Klüger doch nur beweisen, dass ich recht habe“, schoss es ihm durch den Kopf. Zu spät. „Trudi
entschuldige, es war mein verletzter Stolz! So wollte ich nicht enden!“ Im Würgegriff wurde er um das Haus herum gezerrt, auf einen Schuppen zu, der in der hintersten Ecke des Gartens stand. Er konnte seinen Angreifer nicht sehen, aber es schien klar zu sein, dass es sich um Hirsch handelt.
Hirsch ein skrupelloser Mörder, ein phantastischer Schauspieler, ein Mann, der vor nichts zurückschreckte. Schmerz und Atemnot mischten sich nun. Sein Gegenüber war stark, er hatte keine Chance. Nicht einmal eine Waffe hatte er dabei, er war ja schließlich nicht im Dienst. Wie konnte man nur so einen Fehler begehen! Sein Kopf dröhnte laut. Tränen der Wut und Verzweiflung traten ihm in die Augen. Da vernahm er plötzlich eine laute Stimme: “Zugriff!“ Jäh wurde er nach hinten gerissen und fiel orientierungslos zu Boden. Kurz verlor er das Bewusstsein. Als er die Augen wieder öffnete standen Klüger und Mohr vor ihm. Die Kollegen von der Wache schubsten gerade Hirsch, der Handschellen trug, in den Streifenwagen. „Glück gehabt, dass deine Frau so ängstlich war und mich
verständigt hat, als du so mir nichts dir nichts aus dem Wilden Bären verschwunden bist. Sie ahnte Böses, und hatte recht. Und Glück gehabt, dass wir im Zeitalter der Handyortung leben. Und außerdem: Herzlichen Glückwunsch! Auf die Idee, dass Hirsch selbst hinter der Sache steckte wäre ich nie gekommen. Ich glaube, ich kann noch eine ganze Menge von dir lernen!“

Anna Scheuerer und Aurelia Heintze