Klebrig & Rosa

„Was mach’ ich hier nur?!“, sagte der Kommissar des Morddezernats von Bisfild, nahm einen Stapel mit Ermittlungsfotos und warf sie genervt gegen die Bürotür. Im selben Augenblick öffnete sich diese und die Fotos prallten am Jackett des schwarzen, maßgeschneiderten Anzugs seines Chefs ab, der gefolgt von einer jungen Frau das Büro betrat, und verteilten sich in alle Richtungen auf dem grauen Teppichboden. „Guten Morgen, Anthony! Ich freu mich auch dich zu sehen!“, begrüßte der Chef den Kommissar und schloss die Tür hinter sich und der Frau. Anstatt einer Antwort auf die Begrüßung hob Anthony nur kurz seinen Kopf, der auf seinem Glasschreibtisch lag, starrte die Beiden aus müden Augen an und ließ ihn wieder fallen. Er murmelte: „Wo ist mein Kaffee?! Und deine kleine Freundin soll nach Ihrem Hund erst mal bei den Nachbarn schauen!“. „Welcher Hund? Ich habe überhaupt keinen!“, sagte die Frau irritiert. „Dann eben nach Ihrer Katze oder Ihrem Auto! Außerdem habe ich zurzeit Wichtigeres zu tun, als mich mit verschwundenen Sachen oder Tieren zu beschäftigen.“, sagte Anthony entnervt. „Stop! Bevor das hier noch verwirrender wird, löse ich die Situation mal auf. Darf ich vorstellen – Grace Morgan, deine neue Partnerin.“, sagte der Chef. Anthony hob ruckartig seinen Kopf, musterte kurz seine neue Kollegin, blickte dann zu seinem Chef und sagte: „Ist das dein Ernst, Ralph? Ich hab doch gesagt, ich kann keinen Klotz am Bein gebrauchen.“. Sein Blick wanderte zu Grace zurück und musterte sie erneut. Sie hatte schwarze Absatzschuhe und einen grauen Hosenanzug an, unter dem sie ihre schlanke und sportliche Figur versteckte. Ihre schulterlangen, kastanienbraunen Haare trug sie gerade nach unten gekämmt. Außerdem fiel ihm auf, dass sie zwar nur schlicht geschminkt war, aber dass ihre grünen Augen trotzdem hervorstachen. Die Worte seines Chefs rissen ihn aus seinen Gedanken: „Versuche einfach mit ihr klar zu kommen! Übrigens, Miss Morgan, das ist ihr reizender neuer Partner, Anthony Harrison. Versuchen Sie durchzuhalten. Ihre Vorgängerin hat sich nach zwei Wochen versetzen lassen. Viel Glück.“ Er nickte ihr aufmunternd zu und verließ zügig den Raum. Anthony beobachtete Grace, wie sie ihre Sachen auf dem Tisch seiner alten Kollegin am anderen Ende des Büros abstellte und sich dort einrichtete. Danach seufzte sie kurz und kam zu Anthony, der sie immer noch aus seinen müden, braunen Augen anstarrte. Sie streckte ihm ihre Hand hin und sagte so freundlich wie möglich: „Das war jetzt ein ziemlich holpriger Start, aber vergessen wir ihn einfach. Also, ich bin Grace!“. Anthony fuhr sich mit seiner Hand über seinen Dreitagebart und durch seine kurzen, braunen und wuscheligen Haare. Dann stand er von seinem schwarzen, ledernen Drehstuhl auf und sagte: „Das ist aber schön für Sie!“ und fing an, die verstreuten Bilder aufzusammeln, die er zuvor seinem Chef entgegengeschleudert hatte. Grace ließ ihre Hand sinken und sah ihm beim Aufsammeln zu. Er trug über einer blauen Jeans und schwarzen Lederschuhen ein dunkelblaues Hemd und eine schwarze Anzugweste. Als er sich zurück in seinen Sessel fallen ließ, fragte er sie:“ Waren Sie wenigstens so schlau, sich über den Fall und den neuesten Ermittlungsstand zu informieren?“. „Natürlich! Ein Serienkiller, der Frauen zwischen 20 und 30 mit drei Messerstichen in der Herzgegend tötet. Es gab bis jetzt sieben Leichen. Der zuständige Profiler geht von einem Mann zwischen 30 und 40 Jahren aus, der aus Eifersucht mordet! Ich denke aber, dass es sich bei den Morden um die Tat eines Psychopaten handelt, der vor einiger Zeit von einer Frau mit dem gleichen Profil wie das der Mordopfer seelisch verletzt wurde.“. Als Antwort von Anthony bekam sie nur ein unfreundliches und mürrisches: „Das Denken überlassen Sie lieber mir! Immerhin arbeite ich schon seit einem Monat an diesem Fall!“, hingeworfen. Grace drehte sich mit einem angestrengten Gesichtsausdruck um und ging zurück zu ihrem Schreibtisch, wo sie sich an einer Kopie der Fallakte zu schaffen machte. Plötzlich klingelte das Telefon auf Anthonys Tisch, worauf der Kommissar abhob und sich mit einer gespielt freundlichen Stimme meldete: „Anthony Harrison, Morddezernat! Wie kann ich ihnen helfen?“—-„Ja, das habe ich verstanden! Bleiben Sie da! Ich komme!“. er legte auf, lächelte Grace überzogen nett an und sagte zu ihr: „Ich bin kurz weg. Bringen Sie mein Büro nicht durcheinander und machen Sie nichts kaputt!“. Eine Weile nachdem Anthony das Büro verlassen hatte, betrat der Chef das Zimmer und schaute Grace verwirrt an. Als sie den Blick sah, fragte sie ihn leicht gereizt: „Brauchen Sie Irgendetwas?“. Der Chef antwortete schmunzelnd, aber ungläubig: „Was machen Sie noch hier? Das hätte ich von Anthony wirklich nicht erwartet, aber so ist er halt!“ „Wieso? Was ist denn?“, fragte Grace. „Na ja, Anthony ist schon seit zehn Minuten unterwegs zum neuen Tatort! Hat er Ihnen nicht gesagt, dass es eine achte Leiche gibt!“, antworte der Chef. Grace sprang auf und verließ fast rennend den Raum. Ihr neuer Chef rief ihr noch hinterher: „Ich lass Ihnen die Adresse aufs Handy schicken!“.
Die Sonne blendete Grace, als sie aus ihrem silbernen Audi stieg und unter den neugierigen Blicken der Spurensicherung und des Gerichtsmediziners den Tatort betrat. Sie drehte sich um, als sie hörte wie jemand zu ihr sagte: „Verunreinigen Sie meinen Tatort nicht!“, und sah wie Anthony, der mit einem Kaffeebecher in der Hand und einem genervten Blick an seinem mattschwarzen Camaro lehnte. Er stieß sich ab und ging an ihr vorbei auf den Tatort zu. Ärgerlich folgte sie ihm zur Leiche, die vom Pathologen gerade abgedeckt wurde. Der Gerichtsmediziner blickte zu den beiden Kommissaren auf und sagte: „Augenscheinlich wie bei den Anderen. Genaueres bekommt ihr mit dem Bericht.“ Anthony nahm genüsslich einen Schluck von seinem Kaffee und sah sich im Garten des Opfers um. Es war ein kleiner Garten mit Büschen, Blumen und in der Mitte des Gartens führte ein Steinweg zum Haus. Neben der Haustür stand eine Regentonne, gefüllt mit dem Regenwasser der letzten Tage. „Irgendetwas ist anders.“, murmelte er gedankenverloren. Daraufhin sagte Grace: „Ja! Sonst wurden alle Frauen – Hatschi!“ „Gesundheit!“, sagte Anthony beiläufig. „Im Wald aufgefunden“, beendete Grace ihren Satz und musste kurz darauf noch mal niesen. „Sie sind wohl nicht an dieses wechselhafte Klima gewöhnt?!“, bemerkte er. „Doch eigentlich – Hatschi! – schon.“, antwortete Grace. Sie rieb sich ihre juckenden Augen. „Sie sind auf Irgendetwas allergisch! Ihre Augen sind rot und angeschwollen.“, sagte Anthony. Er hielt ihr eine Packung Taschentücher hin und sagte wieder mürrisch: „Niesen sie mir bloß nicht auf den Tatort!“. Nachdem sie sich die Nase geputzt hatte, folgte sie ihm ins Haus der toten Frau. Es war gemütlich und klein. Es gab ein Schlafzimmer mit Doppelbett, ein kleines Bad, eine Küche und ein gemütliches Wohnzimmer. Grace betrat die Küche, wo Anthony in den Sachen stöberte. Er drehte sich zu ihr um und hielt ihr eine Packung mit rosa Marshmallow-Mäusen hin, die er in der Küche gefunden hatte und fragte: „Marshmallow?“. Grace schaute ihm ins Gesicht und sagte: „Ich darf nicht auf den Tatort niesen, aber Sie dürfen Beweismittel essen?“ Anthony nahm sich eine Maus aus der Tüte, biss ihr den Kopf ab und sagte: „Das war ein Beweismittel! Das einzige, was uns die Marshmallows sagen ist, dass das Opfer gerne Marshmallows gegessen hat. So wie ich auch!“. „Sie wissen schon, dass alle Dinge an einem Tatort Beweismittel sind.“, informierte Grace Anthony, während sie durch einen Stapel Zeitschriften und Rechnungen blätterte. „Ja, Ja!“, sagte Anthony und steckte die Tüte mit Marshmallow-Mäusen in die Innentasche seiner Jacke. „Okay! Ich fahr zurück ins Büro. Das Haus wird sowieso von der Spurensicherung durchwühlt“, sagte er gelangweilt, während er sich noch eine Tüte Marshmallows schnappte. „Ja! Gut! Ich hatte vor, mir die alten Auffindungssorte der Leichen noch mal persönlich anzuschauen.“, antwortete Grace nebenbei. „Machen Sie das!“, sagte Anthony desinteressiert und verließ das Haus.
Grace fuhr mit dem Aufzug in den siebten Stock, wo die Räume der Abteilung des Morddezernats waren. Sie hatte auf dem Weg zurück zum Büro noch Kaffee geholt, um mit ihrem neuen Kollegen etwas warm zu werden. Sie öffnete die Tür zum Büro und sagte zu Anthony, der am Panoramafenster stand und seinen Blick über die Stadt schweifen ließ: „Ich habe Ihnen Kaffee mitgebracht!“. „Danke!“, sagte er zögerlich über die Schulter. Als er sich umdrehte, stockte ihm erst der Atem, dann fing er an hemmungslos zu lachen und sagte grinsend: „Was ist denn mit Ihnen passiert? Haben sie in Brennnesseln gebadet?“. „Sieht das wirklich so schlimm aus? Sie werden bald auch nicht mehr so gut aussehen, wenn sie weiterhin so viele Marshmallows essen!“, sagte Grace, während sie sich die Augen rieb und auf Anthonys Mülleimer, in dem einige leere Packungen Marshmallow-Mäuse lagen. „Muss diese verdammte Stechapfelblume denn auch an jedem Leichenfundort wachsen? Ich bin schon seit meiner Kindheit auf diese eigentlich seltene Blume allergisch. Meine Oma hatte die auch immer im Garten stehen.“, fügte sie gequält hinzu. Anthony nahm den Kaffee vom Tisch und sagte: „Ich kann ja auch nichts dafür, dass in letzter Zeit nur Frauen mit einer Vorliebe zu Marshmallows getötet werden und ich stehe halt auf dieses klebrige Zeug. Aber jetzt mal zurück zu dieser Blume! War sie wirklich an jedem Tatort? Auch in dem Garten des letzten Opfers?“ „Ja, das ist ja das Schlimme! Außerdem verwundert mich genau das, weil diese Blume ja so selten ist“, antwortete Grace. „Das könnte vielleicht mit unserem Fall zusammenhängen! Möglich, dass der Täter die Leichen immer in der Nähe dieser Blumen ablegt. Wenn das so ist, wie Sie sagen, dann sollten wir mehr über dieses komische Stechgewächs herausfinden“, stellte Anthony mit einer großen Begeisterung fest. Daraufhin suchte Anthony das nächstgelegene botanische Forschungsinstitut im Internet und fuhr mit Grace dort hin.
Anthony und Grace stiegen aus dem Auto und gingen auf den Eingang des Institutes für Botanik zu. „Mussten Sie unbedingt über zwei Parkplätze drüber parken?“, fragte Grace Anthony vorwurfsvoll, als sie von der Empfangsdame zum Büro der leitenden Botanikerin gebracht wurden. Kurz darauf saßen sie einer jungen, rothaarigen Frau in einem weißen Kittel, ebenso weißer Jeans und weißen hochhackigen Schuhen gegenüber. Sie hatte ihre Haare streng nach hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden und blickte die Kommissare mit einem eisernen Gesichtsausdruck an. „Guten Tag! Ich bin Dr. Wilma Osborne und ich bin die Leiterin dieses Institutes. Wie kann ich Ihnen helfen?“, begrüßte sie die Kommissare. „Guten Morgen wir sind von der Mordkommission! Mein Name ist Harrison und das ist meine Kollegin Morgan. Wir würden ihnen gerne ein paar Fragen zu einer Pflanze stellen“, stellte Anthony sich und seine neue Kollegin vor. Grace holte eine Plastiktüte mit einem Stück der Pflanze, das sie sich zuvor von einem Tatort besorgt hatten, aus ihrer Handtasche, legte sie vor Dr. Osborne auf den Holzschreibtisch und fragte: „Können Sie uns vielleicht eine Karte des Verbreitungsgebiets und einen Steckbrief mit Besonderheiten dieser Pflanze geben?“ Die Botanikerin nahm die Plastiktüte in die Hand und betrachtete sie kurz. Dann legte sie die Tüte zurück und sagte: „Aha, eine Datura innoxia, ein Großblütiger Stechapfel. Das ist eine wirklich seltene Pflanze. Aber leider kann ich Ihnen dazu nicht viel erzählen, da mir Einzelheiten unbekannt sind. Sie können sich aber einen Steckbrief aus dem Botanikerverzeichnis von meiner Sekretärin geben lassen. Brauchen Sie sonst noch etwas?“ „Nein, aber danke für Ihre Hilfe!“, verabschiedete sich Anthony, stand auf, schüttelte Dr. Osborne kurz die Hand und verließ dann mit Grace das Zimmer. Als die beiden ins Auto stiegen, sagte Anthony angespannt zu Grace: „Irgendetwas ist komisch an dieser Osborne. Hast du die gerahmte Urkunde hinter dem Schreibtisch gesehen? Eine Urkunde für ihre bestandene Doktorarbeit. Und weißt du, was das Thema war? Der Großblütige Stechapfel! Ich weiß zwar nicht, was sie zu verbergen hat, aber irgendetwas stimmt mit dieser Person nicht.“. Doch statt ihm zuzustimmen oder ihn verwundert anzuschauen, fragte sie nur: „Sind wir jetzt beim Du?“. Anthony schaute sie kurz an, sagte kurz und knapp: „Ich bin Anthony“, und setzte sich dann in den Wagen. Grace lächelte kurz glücklich und stieg dann zu ihm ins Auto.
Am nächsten Morgen kam Anthony später ins Büro, da er nach dem morgendlichen Jogging Grace und sich noch Kaffee und Bagels besorgt hatte. Doch als er ins Büro kam, war seine neue Partnerin noch nicht da. Er stellte ihr den Kaffee und die Bagels auf den Tisch und flüchtete sich dann in eine Recherche über den Großblütigen Stechapfel. Nach circa eineinhalb Stunden betrat Ralph, Anthonys Chef, das Büro. Als Ralph sah, dass Grace noch nicht da war, fragte er: „Wo ist den Miss Morgan?“. Anthony löste seinen Blick von dem Bildschirm seines Laptops, schaute zu Graces Tisch, wo immer noch der Kaffee und die Bagels standen, schaute dann wieder auf sein Bildschirm und sagte: „Ich habe keine Ahnung! Sie kommt bestimmt gleich! Ich fahre jetzt noch mal zu dem Botanikinstitut, wo Grace und ich gestern waren. Ich brauch noch Infos über diese Stechapfelblume“.
Im Institut aber war die Biologin nicht aufzufinden. Deshalb gab die Empfangsdame ihm Dr. Osbornes Privatadresse. Anthony fuhr zu der angegebenen Adresse, parkte in der Straße zwischen einigen der stehenden Autos am Straßenrad. Er lief auf die kleine weiße Villa, die in Mitten eines großen Gartens, der gefüllt mit bunten und gepflegten Büschen, Blumen und Bäumen war. Ein Natursteinweg führte von dem weißlackierten Holzgartentor zu der massiven Eichenholztüre des Hauses. Anthony klingelte und hörte nach kurzer Zeit, wie sich Schritte näherten. Die Tür wurde aufgerissen und der Kommissar stand der schlecht gelaunten Hausherrin gegenüber. Als sie sah, wer sie schon so früh am Morgen störte, setzte sie ein gekünsteltes Lächeln auf und sagte so freundlich wie möglich: „Guten Morgen, Mr. Harrison! Was wollen Sie denn hier?“. Anthony sagte entschuldigend: „Tut mir leid, wenn ich sie aus dem Bett geholt hab! Ich hätte doch noch ein paar Fragen zu der Pflanze. Kann ich hereinkommen?“. Dr. Osborne trat beiseite und ließ ihn rein. Er sah sich um, während er von ihr ins Wohnzimmer geführt wurde. Die Villa hatte nur ein Erdgeschoss und einen Keller. Das Erdgeschoss hatte fünf große Zimmer, deren Türen offen standen. Lediglich bei einem Zimmer ließ sich nicht auf den ersten Blick ausmachen was sich in dem Raum befand, da die Tür nur einen kleinen Spalt breit offen stand. Er versuchte in das Zimmer hineinzuschauen, doch als Dr. Osborne das bemerkte, schloss sie die Türe schnell und führte ihn weiter ins Wohnzimmer. „Kann ich Ihnen einen Kaffee bringen?“, fragte die Biologin. Anthony nahm dankend an und sah sich weiter im Wohnzimmer um, während sie in die Küche ging. Als er hörte wie sie sich in der Küche beschäftigte, glitt er heimlich aus dem Zimmer zu dem Raum, den Dr. Osborne vor Anthonys Blicken schützen wollte. Nachdem er sich zum wiederholten Mal vergewissert hatte, dass die Botanikerin in der Küche zu tun hatte, drückte er die Klinke und stieß die Tür sachte auf. Da es anscheinend keine Fenster gab, tastete er mit einer Hand nach dem Lichtschalter. Als er sah, was sich ich dem Raum befand schauderte er kurz. Es war ein kleiner Raum, vielleicht vier Quadratmeter groß. Die Wände, die Decke und sogar der Boden waren weiß lackiert. Der ganze Raum war leer. Bis auf ein Bild, dass die ganze gegenüberliegende Wand einnahm und einen weißen, kleinen Holztisch. Auf dem Bild war eine junge Frau mit braunen Haaren und einem freundlichen Gesichtsausdruck, die in einem Park auf einer Bank saß und eine Packung mit rosa Marshmallow-Mäusen in der Hand hielt. Doch das war noch nicht alles. Acht Messer steckten in dem Bild. Jedes Messer war jeweils durch ein Foto und eine Marshmallow-Maus gerammt. Nachdem er sich die Bilder genauer angeschaut hatte, erkannte er die acht Opfer seines Falls. Während sein Blick zu dem Holztisch wanderte, sah er noch ein weiteres Bild und eine weitere Maus darauf liegen. Er nahm das Bild hoch und riss seine Augen erschrocken auf, weil ihm das Gesicht bekannt war. In diesem Moment hörte er die Haustür zuschlagen. Anthony ließ das Bild fallen und rannte aus dem Haus auf die Straße. Er sah noch, wie ein weißer Kastenwagen auf dem spröden Asphalt beschleunigte. Während er zu seinem Auto rannte, um die flüchtende Dr. Osborne zu verfolgen, rief er über sein Handy Verstärkung. Anthony folgte dem Kastenwagen schon circa zehn Minuten raus aus der Stadt, als dieser an einem verwucherten Grundstück hielt. Anthony parkte hinter einer Weggabelung, damit die Biologin ihn nicht sah. Er folgte ihr heimlich auf das Grundstück zu einer Scheune, die am hinteren Ende des von Gewächsen bepflanzten Feldes stand. Es war ein altes und runtergekommenes Gebäude, das jetzt von Dr. Osborne betreten wurde. Anthony zog seine Dienstwaffe und hielt sie einsatzbereit mit beiden Händen fest. Er näherte sich langsam dem Tor der Scheune, das offen stand, und schaute in das dunkle Innere. Zwischen hunderten in Töpfen gepflanzten Stechapfelblumen saß Grace gefesselt auf einem Gartenstuhl. Grace war ohnmächtig, das Blut von der Platzwunde an ihrem herunterhängenden Kopf tropfte auf den Boden und ihre Augen waren wegen den Pflanzen schlimm angeschwollen. Plötzlich kam die Botanikerin aus einem Nebenraum der Scheune und weckte Grace mit einem Fußtritt gegen das Schienbein. Sie sagte in einem herablassendem Ton: „Dein Kollege war bei mir zu Hause, deshalb muss ich dich hier so schnell wie möglich verschwinden lassen!“. Plötzlich zog Dr. Osborne ein breitschneidiges Messer. Anthony, der sich hinter der Scheunentür versteckte, legte langsam seine Waffe an, bereit zu schießen. Dr. Osborne betrachtete die scharfe Klinge des Messers im Licht der Sonne und fuhr mit ihrem Zeigefinger daran entlang. Dann drehte sie sich ruckartig um, hob das Messer an und schnitt dann eine Blüte der nächststehenden Topfpflanze ab. Sie roch gedankenverloren an ihr und sagte dann zu sich selbst: „Ach ja, diese Blume!“ „Warum tun Sie mir das an, und warum mussten die anderen Frauen sterben?“, fragte Grace mutig. „Das geht dich leider gar nichts an, Schätzchen! Du kannst dich bei meiner Tante bedanken. Diese alte Schreckschraube! Wenn du wüsstest, was sie mir all die Jahre angetan hat! Meine Tante hat mich jahrelang schikaniert und ausgenutzt! Ich musste für sie arbeiten! Alles musste ich machen! Den ganzen Haushalt und wenn ich etwas falsch gemacht hatte, schlug sie mich mit einem Stock, sperrte mich tagelang im Keller in einer kleinen Kammer ohne Essen und Trinken ein! Und damals war ich acht Jahre alt. Wenn sie mir mal etwas zu Essen gegeben hat, dann waren das diese widerlich klebenden, rosa Marshmallow-Mäuse. Damals war eine Stechapfelpflanze, die in dem Keller stand, meine einzige Freundin“, schrie Dr. Osborne Grace hysterisch an. Grace versuchte die aufgebrachte Frau zu beruhigen, doch Osborne brüllte nur: „Und du hältst jetzt sofort deinen Mund, sonst bring ich dich auf der Stelle um! Du weißt ja nicht, wie sich das anfühlt, so vernachlässigt zu -“. Dr. Osborne sank mit einem lauten Schrei zusammen, weil Anthony sie mit einem gekonnten Schuss in den rechten Oberschenkel außer Gefecht setzte. Die Pistole immer noch auf die Verletzte gerichtet, rannte er zu Grace. Er trat Osborne das Messer aus der Hand und löste Graces Fesseln. Er fragte sie besorgt: „Alles in Ordnung?“, als er die Killerin mit seinen Handschellen fesselte. Grace, die sich immer noch nicht von ihrem Schock erholt hatte, sagte erschüttert: „Ja, mir geht es gut! Danke, Anthony!“. Während er Dr. Osborne mit seinem Knie auf den Boden drückte, bis die Verstärkung kam, sagte er grinsend zu Grace: „Jetzt nies nicht auf meinen Tatort. Verstanden!“

Lönna Süberkrüb und Patricia Christner