Dem Teufel auf der Spur

„Hilfe!“ Eigentlich habe ich gedacht, es gibt keinen Teufel, aber unsere Lehrerin hat uns gerade erzählt, dass der Teufel in der Frauenkirche tatsächlich einen Fußabdruck hinterlassen hat: den sogenannten Teufelstritt, den man schon seit vielen Jahrhunderten dort besichtigen kann. Das kam so: Der Baumeister der Kirche hat mit dem Teufel einen Vertrag abgeschlossen. Wenn der ihn in Ruhe arbeiten lässt, baut er keine Fenster in die Kirche ein. Der Teufel war einverstanden, doch als das Gebäude fertig war und er sah, dass alle Leute hineinströmten, beschimpfte er den Baumeister: „Du hast mich betrogen!“ Der Baumeister aber führte ihn in die Kirche, und zwar genau an den Fleck, wo heute der Teufelstritt ist, und fragte: „Siehst du hier irgendwelche Fenster?“ Der Teufel sah sie nicht, weil die Säulen so anordnet sind, dass die Fenster verdeckt sind. Da stampfte der Teufel vor Wut fest auf den Boden und verschwand danach auf Nimmerwiedersehen.
Eine spannende Geschichte – und auch ziemlich gruselig, finden meine Freundinnen Carlotta, Silvia, Anna, Sarah und ich. Wir haben einen Club gegründet, der sich um Rätsel und Geheimnisse aller Art kümmert. „Die 5 Freundinnen“ heißen wir, so ähnlich wie die berühmten „5 Freunde“. Und der Teufelstritt ist ein tolles Abenteuer für uns. Nach der Schule beschließen wir, morgen Nachmittag in Innenstadt zu fahren und uns den Fußabdruck in der Frauenkirche einmal selbst anzugucken. „Ich gehe vorher noch in der Stadtbibliothek vorbei und leihe ein Buch über die Frauenkirche aus“, meint Sarah, unser Superhirn, die immer alles ganz genau wissen will.
Als wir am nächsten Tag in der Kirche ankommen, führt sie uns sofort nach ganz hinten, wo der Teufelstritt zu finden ist. Dort sehen wir eine ganze Menge Leute auf einem Haufen stehen. Obwohl es keine richtige Warteschlange gibt, versuchen wir, eine Reihe zu bilden und warten ungeduldig, bis wir endlich den Abdruck sehen. Während wir so anstehen fällt mir ein ganz schwarz gekleideter Mann mit einem schwarzen Bart auf. „Schaut mal, der Kerl dort, der sieht aber komisch aus!“, flüstere ich meinen Freundinnen zu. „Wieso komisch?“, fragt Carlotta, „vielleicht ist das ein Pfarrer oder so?“ „Aber ein Pfarrer würde doch nicht hier an der Wand entlang schleichen und sich dauernd umschauen, als ob er verfolgt wird“, entgegne ich. „Da hat Mimi recht!“, meint Silvia, die immer ein bisschen ängstlich ist. „Der Mann da hat einen richtig stechenden Blick. Er sieht äns gruselig aus!“ Carlotta flüstert: „Das ist wahrscheinlich der Teufel selber, der seinen Fußabdruck bewacht.“. Wir anderen müssen kichern, doch ein bisschen unheimlich ist uns der schwarze Mann schon. Na ja, erst mal freuen wir uns jetzt aber auf den Teufelstritt.
Denn wir sind gleich an der Reihe. Vor uns steht nur noch ein dünner rothaariger Junge mit Sommersprossen, der gerade seinen ausgelatschten Turnschuh in den Teufelstritt stellt. „Schuhgröße 43!“, meint er grinsend zu Sarah, die hinter ihm steht. „Du solltest aber nicht nur nach unten schauen, sondern auch nach vorne, damit du die Säulen siehst“, belehrt ihn Sarah. „Wieso die Säulen?“ Der Junge schaut ziemlich dumm aus der Wäsche. „Sag bloß, du kennst die Geschichte vom Teufelstritt gar nicht?“, fragt Sarah. Der Bub schüttelt den Kopf. Aber warum stellst du dich denn dann so lange hier an, um ihn zu sehen?“, hakt Sarah weiter nach. Der Junge zuckt mit den Schultern. „Einfach so“, antwortet er dann, „weil mir langweilig ist.“ Wir ziehen die Augenbrauen hoch. Wenn der Typ keine Ahnung hat, dann soll er doch endlich Platz für die anderen Leute machen!“, denke ich mir. Doch der rothaarige Junge bleibt weiter in dem Teufelsabdruck stehen, als wenn er dort festgeklebt wäre. Irgendwann wird Carlotta ungeduldig: „Mensch, siehst du denn nicht, dass hier noch andere Leute warten?“, zischt sie wütend. Der Junge zieht eine Grimasse, murmelt so etwas wie „Reg dich ab!“ und schlappt dann langsam davon.
Endlich können wir Mädchen nun den Fuß in den Abdruck auf dem Kirchenboden stellen.Wir vergessen dabei aber nicht, auch nach den Fenstern Ausschau zu halten. Tatsächlich – keines der Kirchenfenster links und rechts ist vom Teufelstritt aus zu sehen. „Wirklich ein toller Trick der Baumeisters!“, findet Silvia, die später einmal selbst Architektin werden möchte.
Als wir fertig sind, wollen wir noch eine Opferkerze anzünden gehen. Der Ständer mit den Kerzen ist nur wenige Schritte vom Teufelstritt entfernt. Wir kramen gerade in den Jackentaschen nach unseren Geldbeuteln, da hören wir eine Frau neben uns schimpfen: „Wo ist denn nur mein Geldbeutel? Gerade hatte ich ihn doch noch in der Hand!“ Die Frau ist sehr aufgeregt, doch wir kümmern uns nicht weiter darum, zünden unsere Kerzen an und schlendern dann noch ein bisschen durch die Kirche. „Ich habe in meinem schlauen Buch gelesen, dass es hier irgendwo eine ganz alte Automatenuhr gibt. Wollen wir uns die noch anschauen?“, fragt Sarah. Sie kramt ihren Führer aus der Tasche und steckt ihre Nase hinein. „Erasmus Grasser hieß der Mann, der die Uhr gebaut hat!“, ruft sie auf einmal überrascht. „Genau wie das Gymnasium, wo ich nächstes Jahr hingehen will!“ Sarah führt uns nach links vorne zu einer hohen Standuhr, auf der verschiedene kleine Figuren zu sehen sind. Aufmerksam betrachte ich sie. Da werde ich plötzlich von hinten angerempelt. Als ich mich ärgerlich umdrehe, traue ich meinen Augen kaum: der schwarz gekleidete Mann von vorhin! Ohne ein Wort der Entschuldigung läuft er mit langen Schritten weiter. „So ein Blödmann!“, will ich gerade losschimpfen. Doch da ertönt neben mir eine entsetzte Frauenstimme: „Um Himmels willen, mein Geldbeutel! Er ist weg! Was mache ich denn jetzt?“ Wir 5 Freundinnen schauen uns an. Schon wieder fehlt eine Geldbörse! Die Frau läuft zu einem der Kirchenaufseher hin. „Haben Sie vielleicht einen schwarzen Ledergeldbeutel gefunden?“, fragt sie verzweifelt. Der Mann schüttelt den Kopf. „Sie sind nicht die erste, die heute ihren Geldbeutel vermisst“, meint er. „Hier in der Kirche scheint ein Dieb umzugehen.“
Wir schauen uns noch einmal an und sind uns sofort einig: Das ist ein Fall für die 5 Freundinnen! Doch was sollen wir tun? Wir können die Frau doch nicht einfach ansprechen und ausfragen. Deshalb schlendern wir noch eine ganze Weile ziellos in der Kirche herum, aber wir können nichts verdächtiges entdecken. „Leute, ich muss nach Hause. Sonst bekomme ich Ärger mit meiner Mutter“, sagt Anna nach einer Weile. „Aber wir können ja morgen wieder hierher kommen!“ Damit sind wir alle einverstanden.
In der Trambahn nach Hause schreit Sarah plötzlich so laut, dass alle Leute erstaunt zu uns her schauen: „Ich hab´s!“ „Was hast du?“, fragen wir anderen ärgerlich. Es ist uns peinlich, dass Sarah so einen Krach macht. „Ich glaube ich weiß, wer´s war“, erklärt Sarah etwas leiser. „Der schwarze Mann, der da immer rumgeschlichen ist!“ Wir sehen uns an und überlegen alle einen Moment lang. „Ja natürlich, der Kerl muss der Dieb sein!“, meint Carlotta dann aufgeregt. „Der hat sich von Anfang an so verdächtig benommen. Aber wie können wir das beweisen?“ Wir denken alle angestrengt nach. Irgendwann meldet sich Silvia, unsere Basteltante, zu Wort. „Ich habe eine Idee! Wir nehmen morgen einen Geldbeutel mit in die Kirche, den wir vorher mit unserem unsichtbarem Spezial-Kleister eingeschmiert haben! Und dann bleibt der Mann daran kleben, wenn er ihn in die Hand nimmt!“ Das ist wirklich eine tolle Idee. Wir sind alle begeistert.

Am nächsten Tag machen wir uns wieder auf den Weg in die Frauenkirche. Wir sind diesmal etwas später dran, weil ich noch Klavierstunde hatte, und so kommen wir genau in dem Moment in die Kirche, als der Abendgottesdienst beginnt. Wir schauen uns kurz um, doch den Mann in schwarz können wir nirgends entdecken. Etwas enttäuscht beschließen wir, uns in die letzte Bankreihe zu setzen. Den eingekleisterten Geldbeutel, den Sarah mitgebracht hat, legen wir vorsichtig auf die Bank neben uns. So kann man ihn vom Mittelgang aus jederzeit im Vorbeigehen mitnehmen. Doch zuerst passiert überhaupt nichts. Kein Mensch läuft an unserer Reihe vorbei. Trotzdem behalten wir den Geldbeutel möglichst unauffällig im Auge. Wir sind so sehr auf die Geldbörse konzentriert, dass wir gar nicht merken, dass hinter uns eine schwarze Gestalt vorbei huscht. Aber plötzlich stößt Anna mich heftig in die Rippen und zischt aufgeregt: „Da ist er!“ „Wo?“, frage ich. Sarah deutet auf einen ganz in schwarz gekleideten Mann, der gerade eine der Bankreihen vor uns betritt. Es gibt keinen Zweifel: Es ist derselbe Mann wie gestern! Bevor er sich hinsetzt, schaut er sich kurz um und bleibt mit seinem finsteren Blick an uns hängen. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. „Der Geldbeutel liegt immer noch an seinem Platz“, flüstert uns Sarah in diesem Moment zu. Nun konzentrieren wir uns alle darauf, den „schwarzen Mann“ zu beobachten. Wir müssen ihn unbedingt erwischen! „Vielleicht klaut er ja zuerst jemand anders den Geldbeutel?“, wispert Carlotta, doch der Mann sitzt einfach nur da und macht überhaupt nichts.

Als der Gottesdienst zu Ende ist, schauen wir uns ratlos an: „Was sollen wir denn jetzt machen?“, fragt Silvia. „Bleiben wir einfach noch eine Weile in der Bank sitzen?“ – „Ja“, will Sarah gerade antworten, doch ihr bleibt das Wort im Hals stecken. „Der Geldbeutel!“, stammelt sie, „er ist weg!“ Fassungslos starren wir alle auf die leere Stelle, wo wir ihn vorhin hingelegt hatten. Dann schauen wir nach vorne, wo der Mann in schwarz immer noch friedlich in der Bank sitzt. Carlotta ist die erste von uns, die wieder etwas sagen kann: „Ich fürchte, der Mann ist unschuldig“, meint sie. „Er sitzt so weit weg von uns und hat seinen Platz die ganze Zeit über nicht verlassen.“ Wir können es alle nicht glauben. „Zu dumm, dass wir gar nicht mehr auf den Geldbeutel geachtet haben, sondern nur noch auf den Mann“, ärgert sich Sarah. Da steht der schwarze Mann vor uns auf. Wir können seine Hände sehen. Sie sind leer. Kein festgeklebter Geldbeutel. Mit hängenden Köpfen gehen wir Richtung Ausgang. Wir haben als Detektivinnen vollkommen versagt.
Die Kirchen ist inzwischen fast leer. Auch für uns ist es höchste Zeit, nach Hause zu fahren. Doch als wir uns dem Ausgang nähern, hören wir plötzlich jemanden leise vor sich hin schimpfen. In einer dunklen Ecke entdecken wir den rothaarigen Jungen, der gestern vor uns beim Teufelstritt war. Er hat seine Hände in die Jackentaschen vergraben und stampft zornig mit seinen Turnschuhen auf den Kirchenboden. „Was machst du denn da?“, fragt ihn Anna grinsend. „Willst du vielleicht auch deinen Fußabdruck hier hinterlassen, so wie der Teufel?“ – „Halt die Klappe!“, fährt sie der Junge wütend an. Dann will er sich schnell an uns vorbei drücken. Doch in diesem Moment fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Blitzschnell setze ich einen Fuß nach vorne und stelle dem Jungen ein Bein. Er stolpert und kann sich gerade noch mit beiden Händen an mir festklammern, sonst wäre er der Länge nach hingefallen. „Spinnst du?“, fährt er mich an und will gerade wieder seine Hände in den Jackentaschen verschwinden lassen. Aber ich bin schneller. Ich umklammere sein rechtes Handgelenk, so fest ich nur kann. Da sehen es auch meine Freundinnen: Der Junge hält Sarahs alten Geldbeutel in der Hand!
Jetzt kommt mir Carlotta, die größte und stärkste von uns, zu Hilfe. Sie schnappt sich den Jungen und hält ihn in eisernem Griff fest. „Was hast du dir dabei denn gedacht?“, schimpft sie ihn aus. „Du solltest dich was schämen!“, ruft jetzt auch Silvia. Sarah, das Superhirn, erklärt ihm streng: „Gleich hinter der Frauenkirche ist das Polizeipräsidium. Da gehen wir jetzt zusammen hin! Und du wirst der Polizei gestehen, dass du hier in der Kirche schon mehrere Geldbeutel gestohlen hast!“ Der Junge macht ein entsetztes Gesicht. „Ich hab die Geldbeutel alle noch und ich habe auch fast nichts von dem Geld ausgegeben“, ruft er verzweifelt. „Ich gebe alles zurück, ich schwöre es!“. Einen Moment lang zögert Carlotta. Der Junge tut uns allen irgendwie leid. Aber gestohlen ist gestohlen. Deshalb bringen wir den Dieb mitsamt dem festgeklebten Geldbeutel zur Polizei. Anna, die mit mir zusammen ein Stück weiter hinten läuft, flüstert mir zu: „Ich hätte nie gedacht, dass ein Kind so etwas machen würde!“ „Ich ehrlich gesagt auch nicht“, antworte ich. „Aber da sieht man mal wieder, dass man nie zu schnell jemanden verdächtigen sollte! Jeder kann ein Teufel sein und der Teufel kann auch alte Turnschuhe tragen.“

Emila Eicher