Verschwommene Erinnerungen

Ich sah mich um. Wieso hatte ich gestern Abend mein Fenster offen gelassen? Normalerweise schloss ich es doch immer. Die warme Sommerluft legte sich wie ein Schleier über mein Gesicht. Langsam bekam ich Hunger, also wollte ich aufstehen, um mir mein Frühstück, das wie immer aus Baked Beans, Rührei, einem Toast und schwarzem Tee bestand, zu machen. Doch irgendetwas hielt mich davon ab. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich gelähmt. Vielleicht war ich auch einfach noch zu müde, um mich zu bewegen, deshalb blieb ich liegen. Aber komisch fand ich es irgendwie schon. Da ich nicht mehr einschlafen konnte, dachte ich über die letzten 24 Stunden nach, doch ich konnte mich an
nichts erinnern. Ich hatte ein vollkommenes Blackout. Wieder bekam mich ein komisches Gefühl. Der angenehme Geruch von der Bäckerei, die unter meiner Wohnung ihren Laden hatte, kroch in meine Nase. Da fiel mir ein, eigentlich wollte ich ja heute mit meinem Freund frühstücken gehen. Aber aus weichem Grund? Ich bekam ein ungutes Gefühl, denn so etwas vergisst man doch eigentlich nicht…

Der stechende Schmerz in meinem Kopf wurde immer stärker. Wie ein toter Vogel lag ich hier auf dem Wohnzimmerboden. Wieso war alles so unerklärlich? Dieses mulmige Gefühl bereitete mir Angst. Von draußen höre ich den Straßenlärm Londons. Das ganze kam mir so komisch vor. Wie bei einem Puzzle versuchte ich möglichst viele Teile zu finden. Ich sah mich aus Langeweile in meinem Wohnzimmer um. Auf einmal fiel mir die Zeitung ins Auge. Dort war mit Edding etwas eingekreist, doch ich konnte den Text nicht erkennen. Die London Times lag zu weit entfernt von mir. Der Versuch, an sie heranzukommen war einfach unmöglich, ich konnte mich ja noch immer nicht bewegen. Ich wurde immer panischer. Um mir die Zeit zu vertreiben, blickte ich aus dem Fenster. Am Himmel fiel mir ein Flugzeug ins Auge. Von einer zur anderen Sekunde fällt mir wieder ein, was in der Zeitung markiert war: Ein Jobangebot als Fluglotsin. Erst gestern hatte ich dort ein Bewerbungsgespräch. Wie ich vor einer halben Stunde nichts mehr gewusst hatte und ich jetzt schon wieder so viel wusste, war mir unklar. Deshalb wollte ich auch zusammen mit meinem Freund frühstücken gehen. Langsam wurden meine Augen feucht, denn ich wusste, dass etwas anders war als sonst. Und genau dies bereitete mir so große Sorgen. Ich war zufrieden mit meinem Londoner Alltagsleben. Ich meine, gibt es etwas Besseres, als wenn man eine eigene Wohnung, einen festen Freund und viele weitere hat? Doch ich konnte nichts machen.

Stocksteif lag ich auf dem Boden. Wenn alles schon so komisch war, dann wollte ich wenigstens noch wissen, was hier warum geschehen ist. Also ermittelte ich weiter. Ich wusste bereits, dass ich mich gestern als Fluglotsin beworben hatte. Aber was hat das mit den eigenartigen Vorkommnissen zu tun? Plötzlich entdeckte ich den Jobvertrag auf dem Boden. Okay, also hatte ich den Beruf erhalten. Ich dachte wieder angestrengt nach. Gab es nicht noch eine andere Bewerberin? Ein Licht ging in meinem Kopf auf: Ja, es gab noch eine andere Bewerberin I Sie hieß Patricia …. ach wie hieß sie doch bloß mit Nachnamen? Ich hatte keine Ahnung. Mist, wieso war alles so furchtbar kompliziert? Dieses ganze Hin und Her trieb mich noch in den Wahnsinn I Mein Blick schweifte zum Fenster. Warum es
offen stand war mir auch noch ein Rätsel. Nun blickte ich direkt nach draußen. Eine einzige einsame Wolke war am Himmel. Genauso allein wie sie fühlte ich mich gerade. Natürlich, das war es! Die Frau hieß Patricia Cloud! Wieso war mir das nicht früher eingefallen? Erst gestern hatte ich sie nach dem Bewerbungsgespräch in einem Pub gesehen. Es war eine schlanke, hübsche, junge Frau. Ihre schwarzen, langen Haare waren genauso wie ihre Kleider immer perfekt. Aber sehr sympathisch fand ich diese Frau nicht. Ich verstand den Zusammenhang zwischen den einzelnen Puzzleteilen noch immer nicht. Es fehlten noch zu viele wichtige Details. Warum um alles in der Welt befand ich mich auf dem Fußboden meines Wohnzimmers? ich konnte es mir nicht erklären. Ich hatte keinen Grund dazu, wo ich doch eine bequeme Couch und ein Federbett hatte. Auch die Frage, weshalb mein Fenster zum Balkon offen stand, war mir ein Rätsel. Jeden Abend ließ ich einmal kräftig Stoßlüften, aber das dauerte höchstens fünf Minuten. Dann schloss ich es wieder. Ich verstand nicht, wieso der
wichtige Jobvertrag auf dem Boden lag und warum überhaupt mein Wohnzimmer so verwüstet war.

Ich legte normalerweise sehr viel Wert auf die Sauberkeit in meiner Wohnung. Alles musste am richtigen Ort sein und ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich so etwas Wichtiges einfach auf dem Boden positioniert hatte. Weshalb konnte ich mich an nichts mehr erinnern? Auch hierzu wusste ich keine Antwort. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich. Irgendetwas musste ich mir doch
gemerkt haben! Ich dachte ganz scharf nach. Auf einmal erschien ein schreckliches Bild vor meinem Auge. Eine Frau mit schwarzen, langen Haaren und einem eng anliegenden Kleid stand vor mir. Ich wusste es, Patricia Cloud war mir von Anfang an nicht ganz geheuer gewesen. Warum wollte mir
diese Dame etwas antun? Okay, was gab es für Gründe dafür? Mein Erbe? Wohl kaum, wir waren ja nicht miteinander verwandt. Was gab es noch für Erklärungen? Rache? Aber woran wollte sie sich rächen? War es vielleicht Vertuschung? Doch was hat diese Frau zu verheimlichen? Außerdem ist Patricia Cloud die Falsche dafür. Natürlich! Habgier und Neid war das, was sie dazu veranlasste, mir
diese Qual anzuhängen. Wir hatten nicht viel miteinander, das einzige was uns miteinander verband, war, dass wir beide scharf auf diesen Job waren. Ich hatte ihn aber bekommen. Es gab nur noch eine Möglichkeit, wie Patricia ihn bekam: sie musste mich aus dem Weg schaffen. Da sie die einzige andere Bewerberin war, würde die Dame den Beruf ganz sicher bekommen. Aber obwohl ich schon so viel wusste, fehlten mir noch die wichtigen Teile, womit sie das getan hat, weshalb das Fenster offen stand und warum es so verwüstet bei mir war.

Ich betrachtete das Wohnzimmer mit einem scharfen Blick, doch mir fiel nichts Besonderes auf. Plötzlich spürte ich etwas Hartes an meinem Hinterkopf. Ich wollte mich umdrehen, doch es ging nicht. Wieder wurde ich davon abgehalten. Ich konnte nicht mehr und drehte fast durch. Komm schon, nur dieses eine Mal sollte mir mein Körper noch einen kleinen Dienst erweisen. Nur noch diesen einen Schrittl Aber vergebens. Der Kopf bewegte sich kein Stück. Verzweifelt bündelte ich meine Restkraft und startete einen weiteren Versuch. Aber es klappte einfach nicht. Dann musste ich mich mit den anderen noch offenen Schritten befassen. Warum war das Fenster zum Balkon offen?
Ich hatte keine Ahnung. Um wieder ein bisschen klare Gedanken fassen zu können, schloss ich meine Augen. Das zweite Mal sah ich schreckliche Bilder vor mir. Die Gestalt stand direkt auf meinem Balkon, sie ging langsam in Richtung meiner Wohnung. Ich schrie, doch keiner hörte mich. Keine Chance. Patricia Cloud öffnete das Fenster und trat ein. Ich öffnete meine Augen wieder. So etwas Schlimmes konnte ich nicht mehr ansehen.

Ich merkte, wie die Wärme langsam aus meinem Körper glitt, sei es wegen der schrecklichen Bilder oder warum auch immer. Nur noch zwei kleine Schritte war ich von der Lösung entfernt, aber ich wurde immer schwächer. Ich hatte die Befürchtung, dass das kein gutes Ende nehmen wird, also
musste ich mich ein wenig beeilen. Der weitere Versuch, meinen Kopf zu drehen, scheiterte wieder.
Mein Körper musste mich ein bisschen entspannen. Also schloss ich die Augen. Aber trotzdem geriet ich in Panik. Was sollte ich bloß machen? Der leichte Wind vom Fenster schoss mir ins Gesicht. Noch einmal verlor ich mehr Wärme und ich zitterte schon, so kalt war mir. Es fühlte sich so an, als wäre ich umgeben von Eis und Schnee. Ich probierte, mich zusammenzurollen, doch wie vorhersehbar
schaffte ich es nicht. Ich gab mir noch einen Ruck, um den Rest der Geschichte herauszufinden. Um herauszufinden, ob das mit dem Erinnern noch einmal klappt, schloss ich die Augen. Jetzt war Patricia Cloud in meine Wohnung eingedrungen. Sie sprach ein paar Worte, die ich allerdings nicht verstehen konnte. Ich schrie noch lauter, doch noch immer hörte mich niemand. Die Stimme von der
Frau wurde lauter, aber ich konnte noch immer keine Sätze daraus schließen. Ich trat ängstlich einen Schritt zurück und stolpere. Schnell raffte ich mich wieder auf und rannte um den Wohnzimmertisch.
Dabei fiel der Vertrag von der Ablage. Dicht gefolgt von Patricia Cloud sprintete ich durch den Raum. Dabei fielen nicht nur eine Blumenvase, die zerbrach, sondern auch viele andere Dinge auf den Boden. Es gab einen harten Kampf zwischen uns beiden. Doch auf einmal sackte ich kraftlos auf das harte Parkett. Der dumpfe Aufprall ließ den Boden erzittern. Ich hörte nur noch das boshafte Lachen
von der Frau, als sich meine Augenlider schlossen.

Als ich meine Augen wieder öffnete, fühlte ich mich wie ein Eisklotz. Ich spürte kaum noch Wärme in meinen Adern und die Erinnerung an den letzten Tag hatte meine Stimmung auch nicht gerade gebessert. Ich wurde immer schwächer. Auf einmal kam mein Freund in das Wohnzimmer geplatzt.
Er rief geschockt meinen Namen und sackte neben mir nieder. Mit Tränen im Gesicht fragte er flüsternd, weshalb neben mir ein Hammer läge …

Das war das letzte Teil. Jetzt war das Puzzle vollständig. Ich ging die ganze Geschichte noch einmal durch. Gestern hatte ich mich als Fluglotsin, genauso wie Patricia Cloud, beworben. Als ich aber den Job erhalten hatte, wurde sie sauer. Aus Neid, Hass und Habgier schlich sie sich in meine Wohnung, wo sie mir mit einem Hammer einen kräftigen Schlag auf den Kopf verpasste. Nun wusste ich mein
Schicksal. Ich konnte eh nichts mehr machen. Das Kapitel war für mich zu Ende. Jetzt konnte ich beruhigt einschlafen. Die Restwärme entwich aus meinem Körper. Und während mein Freund über mir zusammenbrach, schlossen sich langsam meine Augenlider.

Anne Meyer-Bender