Geben Sie Acht!
Mark kämpft sich durch das übliche Abendgedränge der Innenstadt. Alle wollen schnell noch Einkäufe nach der Arbeit erledigen und es gibt keinen Platz für Leute wie Mark, die versuchen, gegen den Strom schwimmend nach Hause zu kommen.
Bing! Ein leichtes Vibrieren in seiner Hosentasche macht Mark auf eine neue Nachricht aufmerksam. „Kann nächste Woche doch nicht, das entscheidende Meeting wurde auf das Wochenende verlegt, muss Freitag nach Berlin. Du entschuldigst mich doch? Theo“ Mark seufzt. Es ist wieder Mal typisch, dass sein Halbbruder ein „entscheidendes Meeting“ mit Leuten seiner Partei einem lang geplanten Familienessen vorzieht.
Schnell tippt er „Ich werde bestimmt nicht…“, doch weiter kommt er nicht. Jemand rempelt ihn an und verschwindet mit einem schnell gemurmelten „Verzeihung“ wieder in der Menge. Fluchend bückt Mark sich nach seinem Handy, das ihm aus der Hand gerutscht und mit einem lauten Knacken auf dem Boden aufgeschlagen war. Ein Sprung zieht sich von links oben nach rechts unten und das Display bleibt trotz aller Bemühungen schwarz.
Schlecht gelaunt vor sich hin murmelnd will er das nun unbrauchbare Handy in die Jackentasche stecken, doch da ist schon etwas. Stirnrunzelnd zieht Mark einen Zettel hervor, der eben noch nicht da gewesen war.
„GEBEN SIE ACHT“, steht da in großer, krakeliger Schrift.

Ein Strom Menschen scheint Mark zu erdrücken. Er wird hin und her geschoben, stolpert, kann sich nicht wehren, ist verloren. Was ist sein Ziel? Raus hier!, schießt es ihm durch den Kopf. Weg von hier, raus! „Raus!“, brüllt er, von plötzlicher Panik erfasst. Auf einmal lichtet sich die Menschenmenge, ein unsichtbarer Kreis zieht sich um ihn herum, alle Leute machen einen großen Bogen um ihn. Nur ein Mann bleibt stehen, in der Mitte dieses menschenleeren Kreises. Er trägt einen langen, schwarzen Mantel und einen Hut, dessen Schatten das Gesicht des Fremden verdeckt. „Geben Sie Acht“, flüstert er. „Geben Sie Acht!“ Immer mehr Passanten drehen die Köpfe zu den Beiden. „Mark, geben Sie Acht!“, ruft einer aus der Menge. Immer mehr Stimmen gesellen sich dazu. „Geben Sie Acht! Geben Sie Acht!“
Mit einem lauten Klirren zerfallen die Leute in winzige Glassplitter und lassen Mark alleine zurück.

Schweißüberströmt fährt Mark hoch. Seine Bettdecke ist verdreht und schweißnass. Das Wasserglas auf seinem Nachttisch ist umgefallen und zersprungen, wahrscheinlich hat er in der Nacht um sich geschlagen. In der Wasserlache auf dem Boden spiegelt sich schwach der Mond, der durch das Fenster scheint.
Es war alles nur ein Traum, nichts weiter, versucht Mark sich selbst zu beruhigen. Er setzt sich auf und lauscht eine Weile seinem Herzschlag, der sich langsam wieder beruhigt. Nur ein Traum, …
Marks Kehle ist staubtrocken. Gedankenverloren greift er nach dem Wasserglas und spürt plötzlich einen stechenden Schmerz im Finger. Im Licht der Nachttischlampe quillt ein dicker, roter Blutstropfen aus seinem rechten Zeigefinger. Er hat in die Scherben des Glases gelangt. Fluchend schwingt Mark seine Beine aus dem Bett und zuckt zusammen, als seine Füße den kalten Boden berühren. In der Küche hat er immer Notfallpflaster liegen, erinnert er sich und tappst im Dunkeln in die Küche.
„Autsch!“ Etwas Spitzes bohrt sich in Marks Fuß und lässt ihn vor Schmerz aufschreien. Auf einem Bein hüpfend drückt er den Lichtschalter und erstarrt. Das Küchenfenster weist ein großes Loch auf, um das die Vorhänge flattern. Auf dem Boden liegen überall Scherben, und in der Mitte des Raumes liegt ein großer Backstein, ein Blatt Papier der Länge nach darum gewickelt. Mark vergisst den schmerzenden Fuß und die blutende Hand, das Einzige, was er noch wahrnimmt, ist der Stein.
Vorsichtig tastet er sich zu dem Ziegelstein, bemüht, nicht nochmal in eine Scherbe zu treten. Woher kommt der Stein? Wer hat ihn durchs Fenster geworfen?
Mit zitternden Fingern wickelt Mark den Papierstreifen vom Stein. In säuberlichen Druckbuchstaben stehen dort etwas, und Mark braucht eine Weile, bis er realisiert, was:

1. Januar 2017. Wissen Sie noch, was damals geschah? Vermutlich nicht, so betrunken, wie Sie waren.

Doch, Mark weiß genau, was gemeint ist. Die Ereignisse dieses Silvesterabends quälen ihn immer noch in seinen Träumen, obwohl es schon zwei Jahre her ist. Aber er war alleine gewesen, unmöglich kann der mysteriöse Schreiber das wissen. Oder?

Aber ich helfe Ihnen gerne auf die Sprünge. Sie waren auf einer Silvesterparty, hatten viel zu viel getrunken und wollten nach Hause. Sie verabschiedeten sich und stiegen ins Auto. Na? Kommt die Erinnerung? In der Schustergasse lief Ihnen ein Mann vors Auto. Niemand da, der Sie hätte sehen können, niemand, der sich das Nummernschild gemerkt hätte. Sie sind einfach weitergefahren. Der Mann wird sein Leben lang ein steifes Bein haben. Wissen Sie, wie man so etwas nennt? Richtig, das ist Fahrerflucht! Dafür können Sie bis zu drei Jahre ins Gefängnis kommen. Und es gibt ein Video von dem Unfall, auf dem deutlich das Nummernschild zu sehen ist. Sie wollen nicht ins Gefängnis? Es gibt eine Möglichkeit, das zu verhindern. Dafür müssen Sie nur jemanden für ein Wochenende aus dem Verkehr ziehen. Ein einziges Wochenende, dann wird Ihnen nichts passieren. Wenn Ihnen also etwas an Ihrer Freiheit liegt, befolgen Sie meine nächsten Anweisungen.

Zitternd und mit schwitzigen Händen faltet Mark den Zettel zusammen und legt ihn auf den Tresen. Ihm fällt auf, dass sein Finger blutige Spuren auf dem schneeweißen Papier hinterlassen hat. Woher weiß der Schreiber des Briefes von dem Vorfall? Und kann er wirklich Aufzeichnungen des Abends haben? Mark möchte lieber kein Risiko eingehen und im Gefängnis landen. Aber andererseits? Er setzt sich an den Tresen und stützt den Kopf in die Hände. Wäre er wirklich fähig, einen Menschen zu kidnappen? Will er das überhaupt? Bin ich ehrlich genug um dazu zu stehen und ins Gefängnis zu gehen oder bin ich fähig, zu meinem eigenen Wohl eine weitere Straftat zu begehen? Womit habe ich das verdient? Es war doch nur ein Ausrutscher, sonst habe ich mich immer ans Gesetz gehalten! Doch er ist sich nicht sicher, ob er ehrlich genug ist, das Richtige zu tun. Drei Jahre ohne Freiheit oder jemanden entführen… Es wäre ja nur für ein Wochenende und dieser Person würde nichts geschehen. Und wenn er eine nette Unterkunft für sie besorgen würde? Zum Beispiel das kleine Ferienhaus im Wald, das er sich vor Jahren mal gekauft hatte? Das müsste gehen…
Mark gähnt und legt seinen Kopf auf die Tischplatte. Er hört das leise Rauschen der Bäume vor dem zerbrochenen Fenster und ein Windstoß fährt in die Küche. Sein Finger hat aufgehört zu bluten. Erschöpft schließt er die Augen und hofft, dass alles nur ein böser Traum ist.

„Der junge und äußerst beliebte Politiker Theodor Schiller macht den Landwirten Druck. Er setzt sich aktiv gegen den Einsatz des Pflanzenschutzmittels Glyphosat ein und hat dabei vor allem von den jungen Wählern viel Unterstützung. Am kommenden Wochenende findet daher ein Treffen mit Vertretern der Landwirt statt, welches von ihm organisiert wird. Dabei sollen Rahmenbedingungen für einen Einsatz von Glyphosat endgültig geklärt werden. Herr Schiller kommt bei diesen Verhandlungen eine Schlüsselposition zu. Wie ein Sprecher seiner Partei die Grünen erklärt,…“ Genervt schaltet Mark den Fernseher aus. Das Letzte, was er jetzt braucht, ist irgendein Gedudel über seinen ach so wichtigen Halbbruder.
Mark sitzt mit einer Decke und einem Tee auf dem Sofa. Die Pappe, die er als kurzfristige Lösung vor das Loch im Fenster geklebt hat, hält die winterliche Kälte nicht davon ab, in die Wohnung zu dringen und auch das letzte bisschen Wärme zu vertreiben. Die neue Scheibe wird wegen Lieferproblemen erst Samstag geliefert und Montag eingesetzt. Heißt also noch 5 Tage frieren. Mit steifen Fingern nimmt er den Zettel, der auf dem Wohnzimmertisch liegt. Er hat ihn am Morgen im Briefkasten gefunden und sich noch nicht getraut, ihn zu öffnen. Mark Kaiser, steht da in derselben sorgfältigen Druckschrift, in der auch der Erpressungsbrief geschrieben ist. Nun faltet er ihn vorsichtig auf.

Entführung einer Person des öffentlichen Lebens. Freitag, 5 Uhr morgens, S-Bahnhaltestelle Leuchtenbergring. Erkennungszeichen: grüner Koffer. Hinter dem Ticketautomaten wird eine Tüte eingeklemmt sein, darin wird sich eine Flasche mit Chloroform befinden, welches auf ein Stück Stoff gegossen und der Person unter die Nase gehalten wird.

Übermorgen ist es so weit, denkt Mark und bekommt auf Anhieb wieder feuchte Hände. Wahrscheinlich wird er es tun, wahrscheinlich wird er tatsächlich einen Menschen entführen. Bei dem Gedanken daran wird ihm schlecht.
Gestern ist er schon in der Waldhütte gewesen, hat alles sauber gemacht, Konservendosen in den Schrank und Brot und diverse Aufstriche in den Kühlschrank gestellt. Es ist ihm alles so unwirklich vorgekommen, als ob er sich in einem schrecklichen Albtraum befinden würde. Aber zurück in seiner Wohnung hat er den ersten Brief mit den Blutspuren und das zerbrochene Fenster gesehen und ihm ist klargeworden, dass dies die harte Realität ist. Auch jetzt noch kann sein Verstand es kaum begreifen. Einerseits möchte er nicht, dass der Freitag jemals kommt, aber auf der anderen Seite sind seine Nerven so angespannt, dass er den Auftrag am liebsten sofort erledigen würde.

Mark ist kreidebleich. Er hat letzte Nacht kein Auge zugemacht. Nun stapft er über den dunklen Bahnsteig, beobachtet seinen Atem, der weiß in der Luft schwebt. Seine Schuhe hinterlassen Spuren in der dünnen Schneeschicht. Er ist der Erste, der an diesem Tag hier entlanggeht. Die Uhr zeigt zehn Minuten vor 5. In 20 Minuten kommt der Zug, in den die Zielperson einsteigen möchte. Mit steifgefrorenen Fingern greift er hinter den Fahrkartenautomat und zieht die angekündigte Tüte mit dem Chloroform hervor. Er streift seinen Schal ab und träufelt das Betäubungsmittel großzügig darauf.
Fünf Minuten vor 5. Warten. Mark steht halb hinter dem Unterstand mit dem Ticketautomaten, den Mantelkragen hochgeschlagen und seine Mütze tief ins Gesicht gezogen. In der Jackentasche spürt er den Stoff der Sturmhaube, die er eigentlich überziehen wollte, doch jetzt erscheint ihm das total albern. Hoffentlich kommt diese Person bald. Unruhig tritt Mark vom einen Bein aufs andere. Es schneit wieder.
Da, Motorgeräusche. Das Klacken eines Kofferraums. Schritte und das Rumpeln eines Koffers, der mit Gewalt eine Treppe hochgezogen wird. Bewegungen. Eine Gestalt kommt auf das Tickethäuschen zu, sie zieht einen froschgrünen Koffer hinter sich her.
Mark nimmt seinen Schal und macht sich bereit. Er zittert am ganzen Körper, doch das hat nichts mit der Kälte zu tun. Im Gegenteil, ihm stehen Schweißtropfen auf der Stirn. Seine Sicht verschwimmt kurz und als er wieder etwas erkennen kann, steht die Person mit dem Rücken zu ihm vor dem Unterstand. Alles in Mark sträubt sich, er weiß, dass es falsch ist, was er gleich tun wird. Irgendwo in der Ferne schlagen Kirchenglocken und verkünden, dass es 5 Uhr ist. Noch zehn Minuten. Er atmet tief durch, macht einen Schritt, noch einen, steht hinter dem Fremden. Zwingt sich, den Schal zu heben. Drückt die Stelle mit dem Betäubungsmittel auf Mund und Nase der Person. Ein gedämpfter Schrei erklingt. Eine Stimme, die Mark gut kennt. Er reißt den Schal weg, doch die Person vor ihm bricht schon bewusstlos zusammen. Mark springt panisch zurück, doch er kann seinen Blick nicht vom Gesicht des Mannes losreißen. „Scheiße, Theo“, flüstert er in die Stille. Der Schnee bildet eine dünne Schicht auf dem schwarzen Mantel seines Halbbruders. Ein Zettel fällt aus Marks Jackentasche und landet neben dem froschgrünen Koffer im Schnee. „GEBEN SIE ACHT“

Amelie Niederbäumer

1. Preis der 7./8. Jahrgangsstufe